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Aussagepsychologie


Aussagepsychologisches Gutachten

Bevor der Realitätsbezug einer vorliegenden Aussage geprüft werden kann, ist zunächst festzustellen, ob der Zeuge über die notwendigen Grundvoraussetzungen verfügt, die zur Erstattung gerichtsverwert­barer Angaben erforderlich sind.

Dabei ist besonders zu prüfen, ob er im Zeitraum der fraglichen Geschehnisse in der Lage gewesen ist, diese ausreichend gut wahrzu­nehmen. Weiter ist zu diskutieren, ob er die inkriminierten Erlebnisse bis zur Aussage im Gedächtnis speichern konnte oder ob sich Aspekte ergeben, die das Erinnern und die Wiedergabe der fraglichen Ereignisse beeinflußt haben bzw. negativ beeinflussen konnten.

Außerdem ist zu überprüfen, ob der Zeuge hinsichtlich seiner sprachlichen Auffassungsgabe und seines Ausdrucksvermögens in der Lage ist, auch über komplexere Erlebnisse ausreichend verständ­lich zu berichten.

Für die Einschätzung der Aussagetüchtigkeit des Zeugen sollen jedenfalls dessen kognitive Leistungsvoraussetzungen zugrundegelegt werden. D.h., es muß geprüft werden, ob Einschränkungen der Aussagetüchtigkeit vorliegen, bei denen der Zeuge beispielsweise durch Schwächen der Wahrnehmungs- Erinnerungs- oder Darstellungsfähigkeiten nicht in der Lage wäre, über selbsterlebte Ereignisse zutreffend zu berichten; des weiteren könnte er auch aufgrund psychopathologischer Auffälligkeiten nicht in der Lage sein, Vorgestelltes (Träume oder Phantasieprodukte) von Erinnertem zu unterscheiden.

Auch eine u.U. vorhandene Anfälligkeit gegenüber suggestiven Beeinflussungen oder eine Neigung zu Konfabulationen bzw. beliebigen oder unspezifischen Einlassungen muß in die Überlegungen einbezogen werden.

Die untersuchungsleitende Frage in bezug auf die Aussagetüchtigkeit lautet demnach:

Kann der Zeuge mit den ihm gegebenen individuellen Voraussetzungen (zum Zeitpunkt der Ereignisse sowie zum Zeitpunkt der aktuellen Befragung) und unter Berücksichtigung der seither vergangenen Zeit und möglicher Einflußgrößen prinzipiell eine Aussage über einen Sachverhalt der in Frage stehenden Art machen?

Die untersuchungsleitende Frage in bezug auf die Glaubhaftigkeit der Aussage ist dagegen die folgende:

Konnte der Zeuge mit den ihr gegebenen individuellen Voraussetzungen unter den gegebenen Befragungsumständen und unter Berücksichtigung der in diesem konkreten Fall möglichen Einflüssen von Dritten diese spezifische Aussage machen, ohne daß sie auf einem realen Erlebnishintergrund beruht.

Relevante Untersuchungshypothesen

Die diskrepanten tatbestandsbezogenen Informationen werden in Form rivalisierender Alternativhypothesen in Betracht gezogen. Diese dienen dazu, mögliche Gegenbehauptungen des Beschuldigten und andere alternative Möglichkeiten zu berücksichtigen. Diese spezifischen Alternativhypothesen sollen zudem im Sinne einer Unschuldsvermutung helfen, mögliche Falschaussagen oder Irrtümer eines Zeugen besser zu erkennen.

Neben der weiter unten angeführten „Erlebnishypothese", die davon ausgeht, daß die Aussage tatsächlichem Erleben eines Zeugen entspricht, läßt sich eine allgemeine „Unwahrhypothese" (Nullhypothese)[1] formulieren, die davon ausgeht, daß eine vorliegende Aussage entstanden ist, ohne daß ein Zeuge sich auf entsprechendes Erleben stützen kann. Diese Unwahrhypothese muß hinsichtlich der Gründe, die zu einer nicht erlebnisgestützten Aussage geführt haben könnten, weiter ausdifferenziert werden.

Dabei sind im allgemeinen folgende Kategorien von Hypothesen zu berücksichtigen:

  • Einschränkungen der Aussagetüchtigkeit. Der Zeuge könnte aufgrund von Schwächen seiner Wahrnehmungs-, Erinnerungs- oder Darstellungsfähigkeiten nicht in der Lage sein, über selbsterlebte Ereignisse zutreffend zu berichten; er könnte darüber hinaus (z.B. aufgrund psychopathologischer Auffälligkeiten) nicht in der Lage sein, Vorgestelltes (beispielsweise Phantasie oder Träume) von Erinnertem zu unterscheiden.

  • Bewußte Falschaussage (Täuschungshypothese): Der Zeuge könnte die Absicht haben, den Empfänger der Aussage über seine Erlebnisse zu täuschen. Dabei kann diese Täuschung auch in Form bewußter Übertreibungen oder der Übertragung anderweitiger Erlebnisse auf die Person eines Beschuldigten auftreten.

  • Soziale Beeinflussung (Suggestionshypothese); Die Aussage könnte in einem solchen Maße durch bewußte oder unbewußte soziale Einflüsse bestimmt sein, daß sich nicht mehr unterscheiden läßt, was daran auf eigenem Erleben und was auf solchen sozialen Einflüssen beruht.

Die eigentliche Aussageanalyse basiert auf der Erkenntnis, daß es leichter ist, über ein eigenes Erlebnis zu erzählen, als einen vergleichbar überzeugenden Bericht zu erfinden. Erlebnisgestützte Berichte einer Person weisen daher eine Reihe von Merkmalen auf, die bei erfundenen Berichten derselben Person zumindest nicht in vergleichbarer Ausprägung zu finden sind.

Das Ausmaß, in dem solche Glaubhaftigkeitsmerkmale in einer Aussage vorhanden sind, bestimmt die aussagepsychologische Qualität dieser Aussage. Darüber hinaus ist das Ausmaß der Übereinstimmung von Sachverhalten, die zu vergleichen sind, und zu unterschiedlichen Zeitpunkten hervorgebracht wurden bedeutsam für die Aussagequalität (Aussagekonstanz).

Letztlich kann es sich bei der zu prüfenden Aussage um eine absichtliche Falschdarstellung handeln - oder es handelt sich um eine subjektiv für wahr gehaltene, auf einer vermeintlichen „Erinnerung" basierende Darstellung, deren Inhalt aber tatsächlich keine Entsprechung in einer vorhergehenden Lebenswirklichkeit aufweist.

Hier können Sie ein Beispiel-Inhaltsverzeichnis eines aussagepsychologischen Gutachtens herunterladen
(PDF, 8KB).

H1 (Erlebnis-Hypothese) Wahrannahme

Die Aussage eines Zeugen zu den fraglichen, strafrechtlich relevanten Hand­lungen und Ereignissen sowie deren Begleitumständen ist mit hoher Wahrschein­lichkeit erlebnisfundiert.

Die Glaubhaftigkeit der Angaben kann dann bestätigt werden, wenn der Zeuge im Rahmen der aussagepsychologischen Begutachtung unter Berücksichtigung seines indivi­duellen Leistungsvermögens und der psychischen Besonderheiten eine ausreichend umfängliche, eigenständige und qualitäts­reiche Aussage betreffs relevanter Aspekte macht, die vor dem Hintergrund der Entstehung und Entwicklung der Aussage, der Aussagemotivation und der Besonderheiten im Erleben und Verhalten der Zeugin nicht wesentlich in ihrer Zuverläs­sigkeit eingeschränkt sind.


[1]
Siehe hierzu Volbert 2010:

„Ein Beleg für die Wahrannahme kann deswegen letztlich nur durch die Falsifikation aller relevanten Unwahrannahmen erbracht werden.

Das psychologische methodische Vorgehen ist insofern auch nicht aus dem strafprozessualen Grundsatz „in dubio pro reo" abgeleitet oder durch  diesen gerechtfertigt  worden, (…) sondern ergibt sich aus dem vorliegenden empirischen Erkenntnisstand zur Unterscheidung von wahren und nicht erlebnisentsprechenden Aussagen.

Es korrespondiert aber gut mit dem juristischen  Prinzip der Unschuldsvermutung, welche bis zum Beweis des Gegenteils zu gelten hat.“